„ONE BIG WORLD OF SONGS“: ZUR #GALICISCHPORTUGIESISCHEN LYRIK UND EINIGEN TRANSKULTURELLEN ECHOS (VII) #BOBDYLAN #GALICISCHPORTUGIESISCHELYRIK

words

Willian Wordsworth


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Rosalía de

Castro 

 

von Nils Tremer

 

3.1 Die Wiederentdeckung alter Lieder in der Romantik: Literatur als Träger des Volksgeistens

Spricht man vom romantischen Interesse an Volksliedern, so führt kein Weg an Herder vorbei. Fasziniert von dem volksliedhaften Ton des Ossian sowie von Percys Reliques of Ancient Poetry widmete sich Herder dieser Dichtung und plante eine Sammlung, zu deren Hilfe er auch den jungen Goethe in Straßburg hinausschichte, um Lieder aus dem Volke zu sammeln. Die Erträge dieser Expedition wären spärlich: „Goethe machte die Erfahrung, daß die jungen Leute nur Schlager sangen und allein bei den ältesten Mütterchen alte Lieder zu finden waren“ (Gaier in Herder, 1990: 893). War das Sammeln dieser Lieder wenig fruchtbar, so war der Effekt jedoch in Goethes früher Sturm und Drang Lyrik wie z.B. dem „Mailied“ oder auch dem „Heideröselein“—auch bekannt als „Sah ein Knab ein Röslein stehen“—an der trügerischen Simplizität und dem volksliedhaften Ton dieser Dichtungen zu spüren. Diese Lyrik stellte für die deutsche Romantik später eine große Inspiration dar.

Herder veröffentlichte mehrere Sammlungen und im Vorwort zu Von deutscher Art und Kunst. Einige fliegende Blätter sprach er wie folgt über die gesammelten Lieder: „Je entfernter von künstlicher, wissenschaftlicher Denkart, Sprache und Letternart das Volk ist: desto weniger müssen auch seine Lieder fürs Papier gemacht, und tote Letternverse sein” (Herder, 2014: 7). Hier lässt sich nicht nur die im Lied die lebendige Wiedervereinigung von Poesie und Musik, wie es in der mittelalterlichen Lyrik einst war, wiedererkennen, auch ist die Befürwortung einer populären Dichtung (gleich den cantigas de amigo) zu beobachten. Diese Befürwortung des Populären geht einher mit der Ablehnung einer „künstlichen, wissenschaftlichen“ Dichtung, denen wohl eher die formell stilisierten, für einige wenige Gesellschaftsgruppen gedichteten cantigas de amor gleichen würden.

Die Romantiker Achim von Arnim und Brentano folgten dem Ideal Herders und veröffentlichten Des Knaben Wunderhorn, eine Sammlung alter deutscher Lieder, die den V olksgeist der Nation widerspiegeln und eine reine V olkspoesie darstellen sollte. Die romantische Idee der Dichtung aus dem Volk wurde von Friedrich Rückert in seinem Gedicht „Naturpoesie“ in den ersten zwei Zeilen knapp und treffend beschrieben: „Das Schönste ward gedichtet/von keines Dichters Mund“ (2013:76). Heutzutage ist jedoch bekannt, dass im „Wunderhorn“ nicht nur gesammelte Lieder zu finden sind, sondern auch versuchte Imitationen dieses Stils, also romantische Fälschungen. Wenn es z.B. bei einigen Liedern heißt, dass sie „in der Spinnstube eines hessischen Dorfs“ aufgeschrieben wurde, so kann dies wohl kaum „heimeliger, erd-und volksverbundener“ (Rölleke, 2005: 7) erscheinen. Doch weiß man heute um die Eigendichtungen von Achim von Arnim und Brentano. „’In einer Spinnstube aufgeschrieben’ kann also bestenfalls bedeuten: ‚Von mir nach Art der Spinnstubenlieder (um)gedichtet’; ‚in meinem Besitz’: ‚aus meinem poetischen Vermögen geschöpft’“ (ebd.). Einige dieser romantischen Fälschungen waren so überzeugend, dass man glaubte, dass sie tatsächlich uralte Volkslieder wären. Ein besonderes Talent für den Volkston hatte z.B. Joseph von Eichendorff, dessen „In einem kühlen Grunde“ wohl als das perfekte Beispiel für die Imitation dieses Stils gilt (vgl. Schiwy, 2000: 233ff.).

Dieses Phänomen beschränkte sich allerdings nicht nur auf die deutsche Romantik, sondern lässt sich vielerorts in Europa vorfinden. Wordsworth z.B. schrieb in seinem Preface zu den Lyrical Ballads, dass „the Poet must descend from this suppoesed height, and, in order to excite rational sympathy, he must express himself as other men express themselves“ (Wordsworth, 1988: 280). Wieder einmal kann man die Befürwortung der natürlichen Sprache des Volkes und ihrer großen Expressivität durch ihre trügerische Einfachheit beobachten. Auch thematisch gleichen viele Gedichte dieser Sammlung dem ländlichen Hintergrund, der auch in den cantigas de amigo vorzufinden ist: „Low and rustic life was generally chosen because in that conditionm the essential passions of the heart […] speak a plainer and more emphatic language“ (ebd., 282).

In Schottland sammelte und dichtete Robert Burns viele Lieder, den Stil der alten Lieder imitierend, und etablierte somit den eigenen schottischen Dialekt, typisch für die Romantik, als Dichtersprache. Ähnliches ereignete sich, wie García (vgl. 2014: 28) ausführt, auch in Galicien. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dem Rexurdimento, wurde die eigene mittelalterliche Vergangenheit und die eigene Sprache wiederentdeckt, wiederbelebt und gefestigt. Antonio de Iglesia z.B. veröffentlichte El idioma gallego: su antigüedad y vida und die Gedichtsammlung Cantares gallegos von Rosalía de Castro zeigt, wie bereits in den anderen Literaturen der Romantik aufgezeigt, ein Orientieren an der Vergangenheit als Basis der eigenen Literatur; Rosalía de Castro gesteht bereits im Prolog, dass sie sich an den populären cantigas orientiert habe.

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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: „Nothing new under the sun“
2. Galicisch-portugiesische Lyrik im Mittelalter
2.1 Die cantigas de escarnio e maldizer
2.2 Die cantigas de amor
2.3 Die cantigas de amigo
3. Das Fortbestehen des mittelalterlichen Erbes in der Neuzeit
3.1 Die Wiederentdeckung alter Lieder in der Romantik: Literatur
als Träger des Volksgeistens
3.2 Das Mittelalter in der Moderne—ein Paradoxon?
4. Bob Dylan—ein moderner Troubadour?
5. Konklusion
Bibliographie

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