„ONE BIG WORLD OF SONGS“: ZUR #GALICISCHPORTUGIESISCHEN LYRIK UND EINIGEN TRANSKULTURELLEN ECHOS (V) #BOBDYLAN #GALICISCHPORTUGIESISCHELYRIK

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von Nils Tremer

 

2.3 Die cantigas de amigo

The spinsters and the knitters in the sun,

And the free maids that weave their thread with bones,

Do use to chant it. It is silly sooth,

And dallies with the innocence of love,

Like the old age (II, iv, 41-47)

Der Herzog aus Shakespeare’s Twelfth Night (1994) scheint hier wohl nach einem Woman’s Song, einem Frauenlied oder auch chansons de femme zu fragen: Einem Genre, das eine weite Verbreitung im mittelalterlichen Europa hatte, jedoch erst später die oben genannten Termini zugewiesen bekommen hat. Dies ist nicht weiter überraschend, da diese populäre Form der Poesie nicht die gleiche theoretische Beachtung und Analyse genoss wie die lateinische Lyrik. Lediglich der Begriff cantiga de amigo—auch wenn er nicht vollständig gleichzusetzen ist mit der obigen Reihe, so hat er doch vieles mit ihnen gemeinsam—war auch schon zu der Hochzeit dieser Form oder nur wenig später geläufig (vgl. Klinck, 521ff.).

Die cantigas de amigo gelten als die charakteristischste Form der galicischportugiesischen Lyrik. Jedoch ist es aufgrund der Mischung von Elementen der preTroubadour-Lyrik und der höfischen Lyrik in den cantigas de amigo schwerer allgemeine Charakteristika zu formulieren, da sie im Gegensatz zu den sehr uniformen cantigas de amor ein deutlich homogeneres Genre bilden (vgl. Garcia, 2014: 20). Eine wenige Eigenschaften sollen dennoch erwähnt werden.

Auch wenn die cantigas de amigo zumindest ein ähnliches Thema mit den cantigas de amor teilen—eine oft unerfüllte oder nicht konsumierte Liebe—so sind die Unterschiede zwischen diesen beiden Songtypen dennoch beträchtlich. Der wohl Gewichtigste ist, dass das lyrische Ich in den cantigas de amigo die Stimme einer Frau ist, die die Abwesenheit oder die Entfernung zu ihrem Geliebten, dem besungenen amigo, betrauert. Der Adressat dieses Liedes kann sowohl der nicht anwesende Geliebte sein, oft sind es aber auch dem lyrisch Ich beistehende Freundinnen oder die Mutter (vgl. Alvar, 2009: 28f.). Die Frau des Liedes „is usually a country maiden who engages in rustic activities like washing her clothes in a stream or dancing under the trees“ (Klinck, 2012: 541); die Szenerie, in denen die Klage geäußert wird ist daher oft „un paisaje natural—nada de ciudades como en las jarchas, o de entornos feudales como en las cantigas de amorrepresentado por el mar, los árboles, fuentes y ciervos, algunas avecillas…“ (Alvar, 2009: 29). Die Natur im Hintergrund ist vor allem deswegen von Bedeutung, da sie einen symbolischen Charakter hat und sich in den Liedern oft immer wiederkehrende Elemente auffinden lassen. Das steigende oder stürmische Meer z.B. lässt sich sowohl in Mendinhos „Sedia-m’eu na ermida de San Simion“, Johan Zorros „Pela ribeira do rio salido“ oder Martin Codaxs „Ondas do mar de Vigo“ wiederfinden und kann sowohl für überw. ltigende Gefühle—auch sexueller Natur—als auch für reale Angst und Gefahr stehen. Dies ist jedoch lediglich der Inhalt eines prototypischen cantiga de amigo; das inhaltliche Spektrum dieses Genres ist breit und beinhaltet z.B. auch Gedichte über Freundschaft, Wiegenlieder oder auch Lieder über die Arbeit von Frauen (vgl. Klinck, 2012: 525ff.).

Wendet man seinen Blick vom Inhalt auf die formellen Elemente der cantigas de amigo, so sind auch hier deutliche Unterschiede zu den cantigas de amor zu benennen. Waren letztere formell äußerst komplex konstruiert und zweifelsfrei der höfischen Literatur zuzuordnen sind, so haben erstere, trotz ihrer gelegentlichen Emulation der lírica culta, dennoch den Ton einer traditionellen, oralen Volkpoesie. Dies liegt nicht nur am oben beschriebenen Inhalt, sondern auch an den Gebrauch bestimmter formeller Mittel wie z.B. „la repetición paralelística o el ritmo reiterativo del leixa-pren. Todo ello construido en estrofas generalmente de menos de cuatro versos, y casi siempre con estribillo“ (Alvar, 2009: 29). All dies verleiht den cantigas de amigo den Eindruck einer

engaging simplicity, reflecting or imitating a tradition that is oral and popular. […] Simple in synax, conventional in vocabulary, these poems can nevertheless reflect considerable artistry, in their melodiousness, their subtly varied incremental repetition, and their evocation of powerful feelings (Klinck, 2012: 541).

Das populäre Element dieser lyrischen Form liegt also vor allem darin, dass es, im Gegensatz zu den cantigas de amor, trotz der gelegentlichen Nähe zur lírica culta, auch Elemente der populären Lyrik absorbiert hat; „la cantiga de amigo sería un ejemplo cercano al primtivo lirismo peninsular“ (Alvar, 2009: 28). Sie sind aber auch insofern Form einer Volkspoesie, da sie zu der gesamten Bevölkerung gehörten

rather than a particular segment of it, like courtly literature, or literature composed in Latin. Leaving aside the difficult question of whether or not we are dealing with provenance in specific cases, we can at least admit that the mode of woman’s song is probably ancient and may be universal (Klinck, 2012: 524).

Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: „Nothing new under the sun“
2. Galicisch-portugiesische Lyrik im Mittelalter
2.1 Die cantigas de escarnio e maldizer
2.2 Die cantigas de amor
2.3 Die cantigas de amigo
3. Das Fortbestehen des mittelalterlichen Erbes in der Neuzeit
3.1 Die Wiederentdeckung alter Lieder in der Romantik: Literatur
als Träger des Volksgeistens
3.2 Das Mittelalter in der Moderne—ein Paradoxon?
4. Bob Dylan—ein moderner Troubadour?
5. Konklusion
Bibliographie
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