Auf dem #Jakobsweg. Die Logik des Draussen #CamiñoDoNorte

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Quelle: http://www.nzz.ch/lebensart/outdoor/die-logik-des-draussen-1.18550612

von Lennart Laberenz

Der Regen macht den Unterschied. Legt sich über die Landschaft wie durchlässiges Gewebe aus feinen, gleichmässigen Tropfen. Am frühen Morgen sind Wolkenschichten übers Meer gekommen, jetzt regnet es grau auf hügelige Weiden, Nadelwald und schroffe Klippen. Die Landschaft saugt kaltes Grün aus dem grauen Überzug, Felsen schimmern schwarz. Der Regen markiert den Unterschied: Wir halten nicht inne, wir sind draussen.

«Solo con reserva»

Am Vortag die erste Überraschung, es ist noch trocken, die Herberge trägt den Namen Juan Sebastián Elcano und der Hausmeister ein benutztes Bedauern auf dem Gesicht. Die Gänge sind leer, die Betten gemacht, «solo con reserva», nur als Gruppe und mit Reservierungen, er schüttelt den Kopf. Der Aufwand lohne nicht. Irún, am Grenzfluss Bidasoa, ist der Ausgangspunkt des Camino del Norte, des nördlichen Jakobsweges nach Santiago de Compostela, von hier sind es 875 Kilometer, 30 Etappen. Eine halbe Stunde flussabwärts, dem Meer zugewandt, dann links in die Hügel: die erste Herberge. Dachte ich.

«Solo con reserva», der Hausmeister konzentriert sich auf den Fernseher, das Gesicht frei von Bedauern: Also wieder hinab in die Altstadt, der Wind nimmt zu. An der Kirche gibt es Informationen, eine neue Herberge liege im Wald, sagen sie, sieben Kilometer, etwas mehr als eine Stunde zu gehen. Der Wind schiebt Wolken übers Meer, gelbe Pfeile weisen den Weg, vielleicht ist die erste Nacht im Wald die besseren Lösung.

«Du hast Glück», sagt der alte Mann hinter dem Tresen, reicht Suppe, Brot, Wein, draussen malen erste Tropfen in den Staub, «seit Januar hat es fast durchgängig geregnet». Im Schlafraum stehen Betten auf dem eiskalten Steinboden. Ein paar Schlafsäcke rascheln mit älteren Französinnen, es wird still: Die Wanderung hat begonnen, es regnet.

Am nächsten Tag geht es den Jaizquíbel hinauf, eine Kuhweide von einem Gipfel, 543 Meter über dem kantabrischen Meer, das direkt darunter gegen Fels rennt. Spanier und Basken sehen den Berg als letzten Ausläufer der Pyrenäen, Franzosen lachen über so etwas, für sie stirbt das Gebirge französisch am Strand von Hendaye. Die Wolken sind vom Wind zerrissen, von der Nacht erschöpft. Oben auf dem Gipfel kommt einer mit Hund daher: «Wird bald regnen», nuschelt er, pfeift nach dem Hund, geht seiner Wege.

Orte des Übergangs

Der Unterschied ist: Der Alltag ist aufgehoben, die Logik der Tage eine andere. Kurz später nehmen Wiesen, Wald, Felsen Farbe auf. Übers Meer weht es kühl, es regnet in feinem Verbund. Gehen und Wandern, hat der französische Philosoph Frédéric Gros in seinem Buch «The Philosophy of Walking» festgestellt, bedeute die Umkehrung der Logik eines Stadtbewohners, vielleicht sogar einer menschliche Logik überhaupt: «Gewöhnlich ist das Draussen ein Übergang: eine Trennung, beinahe ein Hindernis zwischen hier und dort. Selten mit einem eigenen Wert.» Beim Wandern ist Draussen der eigentliche Zustand, die eigentliche Logik. Das Regencape wird zum neuen Drinnen. Man übernachtet an Orten, die Übergang sind.

Und so führen die nächsten Stunden über schroffe Klippen und matschiges Gras, der Atlantik rennt weiter gegen Fels, acht Grad und Regen, Wind, aber all das bleibt äusserlich: Ich gehe weiter, weil es nichts anderes zu tun gibt. Es gibt keinen Unterstand und keinen Grund, sich ein Dach zu wünschen. Der Regen zeigt den Unterschied an: Für ein paar Wochen leben die, die den Jakobsweg gehen, nicht mehr in der Stadt. Sondern draussen.

Der Camino del Norte wirkt oft wie ein kleiner, wilderer Bruder des bekannteren Camino Francés. Die Infrastrukturen haben sich in den letzten Jahren entwickelt, viele Herbergen sind neu. Der Weg führt über Pfade, Wirtschaftswege, durch raue Wälder und über scharfe Klippen. Man kann Stiege und Varianten direkt an der Küste nutzen. Ganz selten lässt einen die solide Zeichnung im Stich, die gelben Pfeile weisen beharrlich gen Santiago. Wer im Frühjahr ausserhalb der Ferienzeiten geht, läuft meistens allein.

Man kann sich am Jakobsweg aus religiösen Gründen versuchen, viele Pilger wollen Gewicht verlieren oder graue Gedanken einer Lebenskrise. Entlang der Atlantikküste zu wandern, heisst, durch das Gebiet mit Spaniens bester Küche zu laufen. Kulinarisch sind die kleinen Hafenstädte und die grossen Zentren feine Adressen: In San Sebastián, Bilbao oder Santander sitzen vielfach ausgezeichnete Restaurants, auch in kleinen Siedlungen gibt es Tintenfisch, Scampi und Muscheln, frisch und einfach zubereitet. Die Küste ist geprägt von Landwirtschaft und Fischerei gleichermassen. In den Cafés stapeln Köche zum Frühstück bereits Pintxos, kleine Happen, darauf türmen sich Kabeljau, Ei, Sardinen, Schinken oder Käse. Dazu gibt es leichte Weissweine, den wunderbar mildsauren Txakolin, den die Basken lieber selbst trinken, als ihn zu exportieren, die ähnlichen Verdejos, den Albariño. Der edle Godello schafft es kaum aus grösseren Städten heraus.

Entlang des Weges ist das ein wachsender Widerspruch: Nach Stunden durch windzerrupfte Landschaft öffnet sich ein Städtchen, ein Platz neben einer Kirche, eine Tür zu einem Lokal. Ich trete ein, verschwitzt, regennass, sonnenverbrannt, schlammig. Wenig später gibt es Fisch, Meeresfrüchte und Wein, schweren Käse, Espresso und Orujo, einen Trester der Region. Wer durch Santander geht, muss das «Marucho» suchen, eine Kantine mit offener Küche und gekachelten Wänden, das ganze Viertel tafelt hier, steht, schreit, schwitzt und lacht: Die Kellnerin trägt Langusten tablettweise auf die Strasse. Besser kann man nicht essen.

Den Rhythmus finden

Nach ein paar Tagen gewöhnt sich der Körper an den Rhythmus, die Schultern akzeptieren das Gewicht des Rucksacks, die Böden in den Herbergen bleiben gefroren, täglich grüsst der Regen. In den Schlafräumen teilen ältere Wanderer Wissen und Plastictüten, am Wochenende darauf feiern die Basken San Telmo, den Schutzpatron der Fischer.

Solche Feiern markieren den nächsten Unterschied: Die tief katholische Gesellschaft flaniert im Sonntagsstaat über mittelalterliches Kopfsteinpflaster, vor der Kirche sind Kinder in Seemannsanzüge verpackt, der Scheitel sitzt, Damenmünder funkeln rot. Dazwischen ziehe ich, kurzhosig, Wanderstöcke am Rucksack, Lippen von der Frühlingssonne zerfurcht, einen Moment die schweren Wanderschuhe aus. Wer sein Leben nach draussen verlagert, muss mit praktischer Mode auskommen, muss reduzieren – und fühlt sich fremd in mondänen Städten und Sonntagsfröhlichkeit. Dann, in der pittoresken Mittelalterstadt Santillana del Mar, erzählt nach langem Schweigen ein Wirt die Geschichte seiner Familie: Seit bald zweihundert Jahren bewirtet sie Wanderer, kelterte Wein, brannte Schnaps, briet schon Tortilla für Pilger, die noch mit breitkrempigen Hüten und Filzumhängen unterwegs waren. Singend und verklärt vor lauter Gemeinschaft und ihrer «unübersetzbaren Frömmigkeit», dessen steinerne Zeugen Cees Nooteboom in seinem Band «Der Umweg nach Santiago» bereist. Schon erkennt man seine Scham als Rest der Logik eines Stadtmenschen.

Wer tagelang geht, schaut anderen beim Gehen zu. In den Siedlungen rufen die Alten, dass sie schon gerne mitkämen. Dann zeigen sie auf das Café mit dem besten Espresso, der Regenschirm hängt ihnen im Nacken, am Kragen der Wolljacke.

Man schaut der jungen Frau zu, die am frühen Morgen wohl auf dem Weg nach Hause ist, sie wirft die Absätze mit Schwung nach vorn, auf den Lippen ein glitzerndes Grinsen: Wie weit käme sie wohl mit diesem Schritt? Im Wald geht ein Kanadier, ihn quält das Knie, der ganze Mann geht verbogen, links gehalten von einem mächtigen Wanderstab. Ein Taubstummer aus Bilbao ist komplett mit Funktionskleidung gerüstet, geht in Turnschuhen. Ein pensionierter Franzose hat seine Frau nach ein paar Tagen heimgeschickt, das vierte Mal, dass sie es zusammen versuchen, er macht schnelle Schritte, lacht, «jedes Mal ein Drama». Dreimal schon ist er allein in Santiago angekommen.

Wer geht, denkt über das Gehen nach, findet seine Schrittlänge, findet einen Rhythmus. Der Rhythmus bedeutet: Man geht mit Freunden. Geht mit Menschen, die man abends erst kennengelernt hat. Geht allein und trifft sich zum Essen. Lässt Bekannte zurück und wünscht viel Glück. Die Strecke macht aus dem städtischen Gang, der entweder kurze Strecken schnell überbrückt oder langsam flaniert, eine runde Gleichmässigkeit.

Wer geht, dem zerlegt sich der Tag in kleine Szenen, die Chronologie der Strecke löst sich auf. Eine Kuh hat Schwierigkeiten beim Gebären, Menschen ziehen an Kälberbeinen. Eine Frau in Santander vergisst ihren Motorradhelm, redet am Telefon. Ihr Mann ruft zweimal, lädt sich achselzuckend den zweiten Helm auf, grinst dem Wanderer zu: «Dreissig Jahre Ehe.» Dann, auf schroffen Klippen bessert ein Schäfer den Zaun aus, deutet in den kalten, festen Wind: ein Nordost. Ein gutes Zeichen, die Regentage seien vorbei. «Kommt Wind aus Galicien», sagt der Schäfer, stützt sich auf den Pfosten, kramt im Bart, «kommt er nass und hält sich tagelang. Bläst er aus Nordosten, ist er eisig und nimmt zum Nachmittag zu. Dafür ist der Himmel am nächsten Tag blankgeputzt.»

Das Gehen wird Bedürfnis

Eisig geht der Wind durch kantabrische Papyruswälder, Franco hat sie anpflanzen lassen, zur Papiergewinnung. Heute wird das Geschäft industriell betrieben, zurück bleiben beschädigte Böden. Das Kloster von Zenarruza ist bitterkalt, es liegt in den Wolken über dem Ort, bei der Abendmesse gähnt der Prediger unter seinem lateinischen Singsang, sechs Mönche gibt es noch, der Älteste, längst in der Kutte geschrumpft, verwendet alle Kraft darauf, sich zur rechten Zeit aus schwarzem Holzgestühl aufzurichten.

Bei Güemes geht der Tag vor einer beliebten Herberge los, ein Befreiungstheologe steht mit weissem Bart und Poncho am Eingang und verabschiedet die Wanderer mit Handschlag. Um Castro Urdiales werfen Immobilienspekulationen bizarre Blasen: In Ketten stehen zusammengepackte Häuserreihen, immer dieselben Balkone, derselbe Dachvorsprung. Abends geht in etlichen Wohnungen das Licht an, ganze Siedlungen bewohnt nur vom Schein. Im Sommer kämen manchmal Besitzer.

Hinter dem kleinen Ort Pendueles blickt man dann im ersten Licht des Tages über sanfte Mulden, in die sich noch Frühnebel drängt. Am Horizont zieht schroff und schneebedeckt das kantabrische Gebirge bis weit über 2000 Meter, während man durch glucksende Morgenfrische läuft. Die Hälfte des Weges ist geschafft, das Gehen ist keine Mühe mehr, sondern Bedürfnis. Die Sonne brennt bereits, die Bäume werfen ihren Schatten noch kühl und feucht über den Wanderer. In ein paar Stunden werde ich neben einer kleinen Kirche den ersten Espresso bekommen.

Längst macht die Sonne den Unterschied, draussen.

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